ECOreporter-Chefredaktuer Jörg Weber. / Foto: ECOreporter

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2026: die vergessene Basis der Nachhaltigkeit behüten

Lesen Sie noch Zeitung? Wenn Sie es wie ich in den letzten Jahrzehnten getan haben, dann ist Ihnen vielleicht hin und wieder eine recht unscheinbare Meldung aufgefallen, die regelmäßig, meist einmal pro Jahr, erschienen ist. Der Text hat sich über die Jahre wenig verändert, die Zahlen darin schon. Rund 200 Länder haben wir auf der Welt. Und die Meldung drehte sich dann immer darum, wie viele von diesen Staaten in den letzten zwölf Monaten demokratisch geworden waren. Es wurden immer mehr. Jahr für Jahr, Staat für Staat.

Für mich hatte das den Eindruck zementiert: ein unaufhaltsamer Trend. Eigentlich schon ein Automatismus! Hier ein Despot, der abdankt, dort eine Militärjunta, die die Macht an das Volk übergibt. Irgendwann wird die Welt einfach komplett demokratisch sein.

Demokratie ist nicht selbstverständlich

Dachte ich! Woran ich ehrlich gesagt nicht gedacht habe, das war der Zusammenhang zwischen Demokratie und Nachhaltigkeit. Um es anders zu sagen: Ich lebe seit Geburt in unserer Demokratie. Ich habe seit mehreren Jahrzehnten journalistisch die Nachhaltigkeit als Hauptthema. Und ich bin Jurist und habe in zwei Staatsexamina Prüfungen auch im Staatsrecht abgelegt. Trotz alledem ist mir erst seit gar nicht langer Zeit klar: Es gibt keine Nachhaltigkeit ohne Demokratie! Oder kennen Sie eine Autokratie, schärfer formuliert, eine Diktatur, die nachhaltig ist? Es gibt keine.

Das war mir lange nicht bewusst, weil ja selbst viele Demokratien nicht gerade dem Wunschzustand eines nachhaltigen Staates nahekommen. Aber schauen Sie einmal, was unsere Demokratie beinhaltet: Wir haben im Grundgesetz ein Staatsziel Umweltschutz. Jede und jeder Einzelne kann bis zum Bundesverfassungsgericht gegen staatliches Handeln klagen, etwa wenn der Staat das Klima nicht ausreichend schützt (was er nicht tut). Wir haben Menschenrechte wie das Recht auf freie Meinungsäußerung. Deshalb können wir öffentlich für Klimaschutz argumentieren. Klar: auch dagegen. Wir können demonstrieren. Wir haben Religionsfreiheit. Wir können Gewerkschaften gründen – ohne die es an sozialer Nachhaltigkeit fehlen würde. Zusammengefasst: Unser demokratischer Rechtsstaat ist die Basis für alles, was mit Nachhaltigkeit zu tun hat.

Aber – und damit sage ich Ihnen nichts Neues – unsere Demokratie ist ernsthaft bedroht. Andere Demokratien sind es ebenfalls. Weitere werden gerade Stück für Stück demontiert. Einige sind schon abgeschafft.

Die Meldung, von der ich vorhin gesprochen habe, die Meldung von der nur scheinbar unaufhörlichen Ausbreitung der Demokratie, die lautet heute ganz anders:

Von den knapp 200 Staaten weltweit waren 2024 nur noch 25 Staaten sogenannte vollständige Demokratien. Skandinavische Länder, Deutschland, Österreich und die Schweiz. Die zitierten Zahlen beziehen sich, wie gesagt, auf 2024. Da hieß der US-Präsident Joe Biden. Nach einhelliger Ansicht – wissenschaftlicher Ansicht – sind auch die USA heute nur noch eine der vielen unvollständigen Demokratien. Wie Brasilien und Indien. Die also nur teildemokratisch sind.

In einer vollständigen Demokratie lebten 2024 – USA noch mit Joe Biden – nur 15 Prozent der Weltbevölkerung. Mehr als doppelt so viele Menschen, insgesamt deutlich mehr als ein Drittel, leben in einer Diktatur!

Die Stimme erheben

Also bitte ich Sie alle: Erheben Sie auch 2026 Ihre Stimme für die Demokratie, wo immer es geht. Einfach im Alltag. Nicht, weil ich denke, Sie können die Feinde der Demokratie überzeugen. Das wird nur den wenigsten von uns gelingen. Viel wichtiger ist etwas anderes, und das beruht auf Folgendem: Die Feinde der Demokratie sind laut. Die demokratische Mehrheit ist eher leise. Und für diese leisen Menschen ist es so wichtig, dass sie merken: Andere denken genauso wie ich: demokratisch. Helfen Sie, anderen das Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht allein sind gegen die wirren Populisten. Zeigen Sie Ihre Bindung an Demokratie und Nachhaltigkeit!

Denn es gibt keine Nachhaltigkeit ohne Demokratie. Die Demokratie ist gefährdet. Und deshalb müssen wir sie stützen, wo es geht. Gemeinsam. Millionenfach kleine Beiträge und Gesten können Großes bewegen – auf geht's!

Ich wünsche Ihnen herzlich ein gelingendes und gesundes 2026.

Ihr

Jörg Weber
Chefredakteur ECOreporter

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