Einfach E-Mail-Adresse eintragen und auf "Abschicken" klicken - willkommen!

Nachhaltige Aktien, Fonds / ETF
Hauptversammlungen 2025: Anti-ESG-Politik wirft lange Schatten
In den USA weht ESG-Initiativen derzeit ein rauer Wind entgegen – und auch in Europa sind die Auswirkungen spürbar. Dennoch: Kritische Aktionäre zeigen sich widerstandsfähig.
Aktionärsanträge auf Jahreshauptversammlungen zu den Themen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG) hatten in den USA 2022 ihren Höhepunkt erreicht. Investoren forderten Unternehmen zunehmend auf, etwa Emissionen zu reduzieren oder über Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern zu berichten.
Seit 2023 aber sind entsprechende Anträge rückläufig. Gleichzeitig steigt die Zahl sogenannter Anti-ESG-Resolutionen rapide an – von 13 im Jahr 2020 auf über 100 im Jahr 2024. „Vieles spricht dafür, dass 2025 ein Rekordjahr für Anträge wird, die ESG-Maßnahmen stoppen oder zurückfahren wollen“, befürchtet Luisa Lange, Partnerin beim nachhaltigen Fondsanbieter Ethius Invest aus der Schweiz.
Unternehmen rücken von Diversitätszielen ab
Unter dem Einfluss der zweiten Präsidentschaft Donald Trumps hat sich in den USA besonders der politische Gegenwind gegen Diversität, Gleichstellung und Inklusion (auf Englisch abgekürzt DEI) verschärft. Viele Unternehmen reagierten mit einem demonstrativen Rückzug aus bestehenden DEI-Maßnahmen. Einer Analyse der „Financial Times“ zufolge haben sich über die Hälfte der größten US-Konzerne davon distanziert – aber auch europäische Unternehmen mit US-Geschäft wie der Schweizer Pharmakonzern Roche oder der Walldorfer IT-Riese SAP.
Finanzdienstleister passten ihre ESG-Strategien ebenfalls an. Der weltgrößte Vermögensverwalter BlackRock etwa strich das Ziel einer 30-prozentigen Diversität in den Vorständen der wichtigsten US-Unternehmen mit dem Verweis, dies sei bereits weitgehend erreicht. Anfang 2025 trat der Konzern zudem aus dem Klimabündnis Net Zero Asset Managers Initiative aus – ebenso wie Goldman Sachs und JP Morgan. Für zusätzlichen Druck sorgte der einflussreiche Stimmrechtsberater Institutional Shareholder Services (ISS), der im Februar 2025 ankündigte, DEI-Aspekte bei Abstimmungsempfehlungen künftig auszuklammern. Begründet wurde dies mit Vorgaben der Trump-Regierung.
Kritik an ISS – und Sorge um Unabhängigkeit

Luisa Lange ist Partnerin beim Fondsanbieter Ethius Invest. / Foto: Ethius Invest
Die Entscheidung rief scharfe Kritik hervor. Der demokratische US-Finanzpolitiker Brad Lander warf ISS vor, nicht im Sinne der Investoren zu handeln: „Anstatt sich für eine unabhängige Stimmrechtsberatung einzusetzen, werfen sie den Wert einer vielfältigen Unternehmensführung präventiv über Bord“, sagte er. Auch beim Konkurrenten Glass Lewis, der zusammen mit ISS 90 Prozent des Stimmrechtsberater-Marktes beherrscht, ist die Debatte angekommen – das Unternehmen will DEI-Faktoren zwar weiterhin berücksichtigen, allerdings in abgeschwächter Form.
Die Entwicklung setzt auch die Deutsche Börse unter Druck, der ISS mehrheitlich gehört. Ein geplanter Börsengang des Stimmrechtsberaters wird durch das unsichere ESG-Umfeld zunehmend schwieriger. Und der Mitgesellschafter General Atlantic will sich aus dem Investment zurückziehen.
Auch europäische Investoren rudern zurück
Während Deutsche Börse-Chef Stephan Leitner weiterhin auf die langfristige Bedeutung von ESG setzt, sind andere europäische Finanzunternehmen vorsichtiger geworden. So verabschiedete sich die britische Investmentgesellschaft Aviva Investors von ihrem Plan, klimaschädliche Unternehmen zu verkaufen, und die Londoner Großbank HSBC relativierte ihre Klimaziele.
Doch das könnte Konsequenzen haben. Die Journalistin Julia Kollewe von der britischen Tageszeitung „The Guardian“ erwartet schwierige Jahreshauptversammlungen, etwa bei den Ölkonzernen Shell und BP. BP sah sich bereits im April massiver Kritik an seiner Klimapolitik ausgesetzt – samt Protesten und Abstimmungen gegen die Konzernführung. Laut einer Umfrage des britischen Impact-Beraters Pensions for Purpose dürfte künftig vor allem das Abrücken von Diversitätszielen schlecht ankommen: 90 Prozent der befragten Investmentgesellschaften räumen DEI-Aspekten in ihren Engagement-Aktivitäten weiterhin mindestens eine moderate Priorität ein.
Streit um virtuelle Hauptversammlungen
Auf dem europäischen Festland regt sich ebenfalls Widerstand. Der nachhaltige Schweizer Stimmrechtsberater Ethos kritisierte etwa Roche und die Schweizer Bank UBS für ihren weltweiten Rückzug aus DEI-Initiativen. Bayer wiederum wurde auf seiner Hauptversammlung von der Monsanto-Vergangenheit eingeholt – Glyphosat bleibt ein Reizthema. Trotzdem wurde ein Antrag angenommen, der Kapitalerhöhungen zur Deckung von Rechtskosten ermöglicht. ISS und Glass Lewis hatten empfohlen, dem Antrag zuzustimmen.
Die aus der Pandemie stammende Praxis virtueller Hauptversammlungen bleibt umstritten. Ethos initiierte 2024 eine Kampagne gegen rein digitale Formate in Deutschland. Mit Erfolg: Beim Reiseveranstalter TUI stimmte die Mehrheit der Aktionäre gegen eine virtuelle Hauptversammlung – ähnlich wie bei Siemens, wo die erforderliche Satzungsänderung scheiterte. ISS hatte zur Ablehnung geraten. Siemens reservierte bereits vorsorglich die Münchner Olympiahalle für 2026.
Kritische Aktionäre stellen ESG auf die Agenda
Insgesamt ist der Zuspruch zu ESG-Resolutionen allerdings weiterhin gering – sie erhalten meist nur zwei bis drei Prozent Zustimmung. Und Unternehmen versuchen zunehmend, durch Kompromisse schon vorab zu verhindern, dass solche Anträge zur Abstimmung gestellt werden.
Für Luisa Lange von Ethius Invest steht fest: „Wenn ESG- und Nachhaltigkeitsthemen von Hauptversammlungs-Agenden verschwinden, trägt dies zu einem erhöhten VUCA-Faktor bei.“ Die Abkürzung steht für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität – Begriffe, die viele Unternehmen derzeit prägen. Umso wichtiger seien aktive, kritische Aktionäre. „Nachhaltigkeit ist die Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit und Resilienz“, betont Lange.
Das jüngste Voting-Matters-Ranking von ShareAction, das die Zustimmung großer Fondshäuser zu nachhaltigen Aktionärsanträgen misst, unterstreicht Europas führende Rolle: Die ersten 27 Plätze belegen ausschließlich europäische Investoren – die elf letzten ausnahmslos US-amerikanische. Für Luisa Lange ein Signal: „Das Engagement für Nachhaltigkeit begründet einen strategischen Vorsprung Europas. Es wäre unklug, diesen aus der Hand zu geben.“