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Nachhaltige Aktien, Institutionelle / Anlageprofis, Finanzdienstleister, Fonds / ETF
Interview zu den USA unter Trump: Nachhaltiges Investment wird rechtswidrig – wie geht es nun weiter?
In den USA läuft eine politische Kampagne gegen Nachhaltigkeit. Finanzkonzerne treten reihenweise aus Klimabündnissen aus. Im Interview erklärt Klara Butz von der Umweltorganisation urgewald, wie NGOs mit der Situation umgehen, wieso die Börse Hoffnungszeichen sendet und welche Chancen es gerade in Europa für mehr Nachhaltigkeit gibt.
Die USA unter Präsident Donald Trump gehen massiv gegen das nachhaltige Investieren vor. Auch mit Hilfe der Gerichte: So wurden etwa BlackRock und weitere Vermögensverwalter von mehreren US-Bundesstaaten verklagt, weil sie mit "einer zerstörerischen, politisierten Umweltagenda" den Kohlepreis in die Höhe getrieben haben sollen. Im Januar urteilte ein US-Bundesgericht gegen die Fluggesellschaft American Airlines, weil sie BlackRock die Verwaltung ihres Pensionsfonds übertragen hatte. Nach Meinung des Gerichts ist der Vermögensverwalter durch seinen "ESG-Aktivismus" als unabhängiger Treuhänder nicht geeignet.
Geklagt hatte ein Pilot, der angeblich befürchtete, eine „linke Agenda“ könnte dem effektiven Investieren des Geldes im Weg stehen. Laut der US-Wirtschaftszeitung „Financial Times“ sind konservative Gruppen in den USA bereits seit Jahren auf der Suche nach derartigen Klagen, um sie zu unterstützen. Dazu gehört laut der Zeitung auch, dass Richter mit einer entsprechenden ideologischen Einstellung ausgewählt werden.
Das ist urgewald
Die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald mit Sitz im nordrhein-westfälischen Sassenberg wurde 1992 gegründet und ist ein gemeinnütziger Verein. urgewald klärt beispielsweise zu öffentlichen und privaten Investments in Rüstung und fossile Energie auf und setzt sich für Divestment bei kritischen Geschäften, die etwa den Klimawandel vorantreiben, ein.
Die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald mit Sitz im nordrhein-westfälischen Sassenberg wurde 1992 gegründet und ist ein gemeinnütziger Verein. urgewald klärt beispielsweise zu öffentlichen und privaten Investments in Rüstung und fossile Energie auf und setzt sich für Divestment bei kritischen Geschäften, die etwa den Klimawandel vorantreiben, ein.
Und die Finanzkonzerne zeigen nicht etwa Flagge, sondern ziehen sich aus den Aktivitäten zurück, die sie noch vor Kurzem öffentlichkeitswirksam in ihre Selbstdarstellung eingebaut hatten. So hat sich der weltgrößte Vermögensverwalter BlackRock aus dem Klimabündnis Net Zero Asset Managers Initiative (NZAMI) zurückgezogen, sämtliche Großbanken der USA sind mittlerweile aus der Net-Zero Banking Alliance ausgetreten.
Im ECOreporter-Interview erklärt Klara Butz von urgewald, was der rechtspopulistische Trend gegen Nachhaltigkeit bedeutet, ob das nachhaltige Geldanlegen auch in Europa gefährdet ist und wie sich US-Unternehmen gegen die Populisten in ihrem Heimatland wehren.
Der folgende Premium-Inhalt ist aufgrund des Artikelalters nun frei verfügbar.
ECOreporter: Wie sehen Sie den Rückzug von US-Unternehmen aus Nachhaltigkeitsbemühungen?
Klara Butz: Es gibt ein gewisses Ohnmachtsgefühl. Gleich nach der US-Wahl fand die COP (UN-Klimakonferenz - Anm. d.Red.) statt. Dort waren ja auch einige US-NGOs, und die waren wirklich getroffen. Viele haben nicht damit gerechnet, dass Trump wieder gewinnen würde. Viele fragen sich jetzt auch: Was können wir eigentlich tun?
Gibt es beispielsweise noch Kontakt zu den Unternehmen, die aus Klimabündnissen ausgetreten sind?

Klara Butz arbeitet seit 2022 für urgewald. Die studierte Physikerin und Meteorologin beschäftigt sich mit Divestment-Kampagnen, etwa im Bereich Erdgas. / Foto: urgewald
Ein Experte für Net-Zero-Allianzen ist Patrick McCully von unserem NGO-Partner Reclaim Finance. Seine Einschätzung ist: Die Net-Zero Banking Alliance zum Beispiel war von vornherein eine schwache Allianz. Aus der sind jetzt sechs US-Banken ausgetreten, und manche haben reagiert nach dem Motto: „Oh mein Gott, ist das der Untergang der Nachhaltigkeitskriterien?“ Andererseits hatten diese sechs Banken nicht wirklich Richtlinien für Kohle und gar keine für die Einschränkung von Öl- und Gasgeschäften. Und dann ist die Frage, was diese Banken zu dieser Allianz eigentlich beigetragen haben? Da kommen wir zu dem Schluss: Das ist jetzt für diese Allianz eher eine Chance, dass es vorangeht. Weil nun hauptsächlich europäische Mitglieder dort vertreten sind und womöglich auch mehr asiatische dazukommen. Die Entscheidung ist ja immer: Entweder wir haben sehr lasche Kriterien, damit alle dabei sein können und sich gut fühlen. Oder wir sind eine kleine Gruppe von wirklich progressiven Mitgliedern, die versuchen, etwas voranzutreiben. Jetzt sind die Grundlagen da, damit es vorangehen kann.
Also mit einem eher europäischen Fokus im Endeffekt mehr erreichen?
Ja, bei Beobachtenden der Allianz scheint der Grundtenor: Okay, dann sind jetzt diese Banken raus, und wir werden ihnen nicht hinterhertrauern. Die Allianz hat nun die Chance, ihr Potenzial zu entfalten.
Kann man denn ohne die US-Konzerne etwas Wesentliches erreichen?
Da sehe ich kein Problem. Banken wie Standard Chartered aus dem Vereinigten Königreich und ING aus den Niederlanden beispielsweise haben bereits gesagt, dass es nicht zur Debatte steht, aus diesem Klimabündnis auszusteigen. Und europäische Regulierungen sowie Taxonomien werden ja trotzdem beschlossen, auch ohne die USA.
In den USA soll nun auf Wunsch der Regierung ESG als großer Irrweg betrachtet werden. Könnten Unternehmen das ausnutzen, um ESG-Vorschriften auch in Europa loszuwerden?
In Deutschland scheint die Industrie diese Schwächen teilweise ausnutzen zu wollen, um ein paar Regulierungen aufzuweichen. Aber insgesamt schreitet gerade in Europa die Regulierung weiter voran in Richtung mehr Nachhaltigkeit und weniger Greenwashing.
Wehren sich US-Unternehmen gegen den Kampf gegen die Nachhaltigkeit?
Ja, das zeigt etwa das Beispiel der US-Supermarktkette Costco: Auf der jüngsten Hauptversammlung gab es einen Antrag, alle Nachhaltigkeitskriterien praktisch über Bord zu werfen. Der Vorstand hat sich klar dagegengestellt und gesagt: Nein, denn mit Nachhaltigkeitskriterien gewinnen wir neue Mitarbeitende und können bestehende besser halten. Der Antrag wurde zu 98 Prozent abgelehnt. Bekenntnisse zur Nachhaltigkeit werden von den Aktionären und Aktionärinnen also manchmal auch belohnt.
Und wie ist das hierzulande?
Wenn wir mit Menschen sprechen, erleben wir großes Interesse. Dann geht es um Fragen wie die, zu welcher grünen Bank man wechseln kann oder welche Anlageprodukte wirklich nachhaltig sind. Auch sämtliche Umfragen bestätigen, dass die Bevölkerung mehr Klimaschutz will. Und auch wenn wir mit Banken oder mit Versicherungen sprechen, ist das Thema nach wie vor gesetzt. Es geht weiterhin darum, neue Nachhaltigkeitsregeln einzuführen und bestehende zu schärfen.
Könnte es auch sein, dass ESG-Strategien in der Öffentlichkeit nicht mehr so herausgestellt werden, aber die Unternehmen trotzdem beispielsweise an ihren Klimazielen festhalten?
Ich denke schon, dass viel passieren wird, was am Ende nicht als Klimaschutzaktion benannt wird. Was möglich ist, zeigt der Inflation Reduction Act (IRA; ein von der Biden-Regierung verabschiedetes Gesetz - Anm. d. Red.). Das war ein riesiges Subventionsprogramm auch für nachhaltige Energien – aber eben vorrangig dargestellt als Inflationsbekämpfung. In solchen Paketen kann viel Sinnvolles drinstecken, selbst wenn nicht „Klimaschutz“ oder „Menschenrechte“ draufsteht.
Es gibt für die USA die Hoffnung, dass der Ausbau erneuerbarer Energien von den US-Bundesstaaten weiter vorangetrieben wird, unabhängig davon, wer im Weißen Haus sitzt.
Der Ausbau lässt sich nicht stoppen. Gerade mit dem IRA sind viele Subventionen auch in republikanisch regierten Bundesstaaten eingesetzt worden. Auch die müssen ja erkennen, dass sie mit Erneuerbaren inzwischen unschlagbar günstig Energie erzeugen können.
Wobei diese Mittel erst einmal eingefroren sind.
Ja, aber gleichzeitig ist es auch so, dass es im letzten Dezember beispielsweise eine Auktion für Ölbohrrechte in Alaska gab, bei der nicht geboten wurde. Und das LNG-Unternehmen Venture Global, das im großen Stil auch nach Deutschland exportiert…
...der weltgrößte Exporteur von gekühltem Flüssigerdgas…
…ist jetzt an die Börse gegangen. Aber der Börsengang ist, trotz Trumps „mehr fossile Energien“, weit unter dem Wert geblieben, den sie sich erhofft hatten. Das macht uns Mut.
Investoren sind also gar nicht so scharf auf fossile Investments, wie es Donald Trump gerne hätte?
Ja. Gleichzeitig müssen wir erkennen, dass Trump organisierter zurückgekommen, als er in seine erste Amtszeit gestartet war. Während der COP habe ich mit Leuten aus den USA gesprochen, und jeden Tag waren sie entsetzter darüber, welche Person er jetzt schon wieder für ein hohes Amt nominiert hat. Außerdem wird momentan auch sehr viel mit Falschinformation gearbeitet, gerade in den sozialen Netzwerken, die ja von Trump oder von Elon Musk komplett unterwandert werden – in einer Dimension, die wir bisher nicht gesehen haben.
Was folgt daraus?
Trump wird die nächsten vier Jahre viel kaputtmachen, das ist klar. Aber unsere Aufgabe ist es ja, an den richtigen Stellen weiter Druck zu machen und etwas zu bewegen. Und Chancen dafür gibt es. Es ist interessant zu sehen, dass etwa der Leiter der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve, Jerome Powell, sich nicht von Trump diktieren lässt, wie seine Institution die Zinsen und Geldpolitik gestaltet. Auch die Europäische Zentralbank nimmt Klimarisiken im europäischen Finanzsystem inzwischen stärker in den Blick. Es gibt Kräfte im Finanzsystem, die zum Glück genug politische Unabhängigkeit haben und die im positiven Sinne wirken können. Und es gibt viele NGOs, die genau hier verstärkt ins Gespräch gehen wollen.
Die Chance: Im Finanzsystem sind am Ende nur harte Fakten und Daten relevant, weshalb man mit Falschinformationen bei den Zentralbanken und Regulierern sofort auffliegt. Außerdem ist die Klimakrise eine Bedrohung für ein stabiles Finanzsystem, das ist den Institutionen bewusst. Von daher sind die Regulierer aktuell wichtiger denn je, sie haben einen großen Hebel für nachhaltige Finanzgeschäfte. Da sehe ich Chancen.
Also sind die großen Finanzinstitutionen der derzeit effektivere Punkt zum Ansetzen für mehr Nachhaltigkeit, weil sich große Proteste womöglich nicht mobilisieren lassen?
Im besten Fall geht es Hand in Hand: Einerseits groß mobilisieren, andererseits mit den Entscheidungsträgerinnen und -trägern direkt sprechen. Das macht die Klimabewegung ja zu einer starken Bewegung: die Tatsache, dass es so vielfältige Akteure und Akteurinnen gibt, mit sehr unterschiedlichen, erfolgversprechenden Ansätzen. Gerade in den USA müssen sich die Gruppen nun allerdings zunächst zusammentun und in Ruhe überlegen, was die sinnvollste Strategie ist. Daher kommen von dort aktuell wenige Impulse. Aber das wird sich bald ändern, die NGO-Bewegung hat oft genug bewiesen, dass sie krisenresistent und wandlungsfähig ist – auch in den USA.
Zum Thema Desinformation: Ist es die Aufgabe, dagegenzuhalten mit Aufklärung oder mit Richtigstellung?
Das ist seit über 30 Jahren unsere Strategie: Mit wirklich guten Daten an den richtigen Punkten anzusetzen und dort etwas zu bewegen. Das hat begonnen mit Projekten gegen die Abholzung im Regenwald, welche die Weltbank unterstützte. Mit unseren professionellen Recherchen und Daten haben wir etwa bewirkt, dass Deutschland zum ersten Mal gegen ein Weltbank-Projekt gestimmt hat. Das war einer der ersten großen Erfolge von urgewald. Mittlerweile recherchieren und veröffentlichen wir riesige Datenbanken, die weltweit von Banken, Investoren und Versicherern zum Ausschluss von fossilen Geldgeschäften verwendet werden. Diese erfolgreiche Strategie werden wir weiter verfolgen und Datenbanken wie die „Global Coal Exit List“ oder die „Global Oil and Gas Exit List“ mit immer größerer Detailtiefe anbieten. Die Rückmeldungen dazu aus der Finanzindustrie zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Allerdings diskutieren wir, welche Plattformen die sinnvollsten sind, um unsere Informationen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Gerade im Social-Media-Bereich gibt es hier neue Herausforderungen durch grassierende Falschinformationen und Hate Speech.
Im Umgang mit Desinformation werden sich urgewald und andere NGOs künftig noch strategischer aufstellen. Wir dürfen dem Rechtspopulismus nicht den Gefallen tun und über ihre Stöckchen springen. Es passiert sehr leicht, dass deren Thesen durch kommunikative Gegenwehr am Ende noch mehr Gewicht bekommen. Dies ist daher ein guter Moment, um unsere Kommunikation zu schärfen. Wir haben bei urgewald in jedem Fall die richtigen Instrumente, weil wir eine sehr faktenbasiert arbeitende Organisation sind.
Gibt es für die Zukunft bei urgewald auch neue Strategien?
Wir werden noch viel stärker als bisher zeigen, wie viele Finanzinstitutionen weltweit schon heute mit unseren Daten arbeiten. Das geht von Banken und Investoren über Versicherer bis hin zu Finanzregulierern. Damit zeigen wir: Die Finanzindustrie lässt sich nicht zur Gänze von politischen Konjunkturen oder populistischen Forderungen treiben. Sie gestaltet in weiten Teilen eigenständig die Welt von morgen und entwickelt sich in vielen Bereichen in die richtige Richtung. Noch viel zu langsam und auch mit sehr unterschiedlichem Tempo, aber wir haben mit unseren Daten die richtige Entwicklung angestoßen. Das macht Hoffnung und gibt positive Energie.