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Anleihen / AIF, Finanzdienstleister
Missbrauch und Selbstmorde - was ist dran an den Enthüllungen zu Mikrofinanzen?
In der ZDF-Dokumentation „Mikrokredite – Das Geschäft mit der Armut“ werden schwere Vorwürfe gegen Mikrofinanzbanken erhoben, auch gegen Institute, die privates Anlegergeld aus Deutschland erhalten haben. ECOreporter hat fünf sehr nachhaltige Mikrofinanzanbieter aus Deutschland und Österreich um Stellungnahmen gebeten.
Aufhänger der Fernsehsendung sind Berichte über Suizide von Frauen in Sri Lanka, die sich mit Mikrokrediten überschuldet hatten. Renditeorientierte Mikrokreditbanken sollen diese Kleinstkredite zu sehr hohen Zinssätzen an Menschen vergeben haben, denen es kaum möglich ist, sie zurückzuzahlen. Als zweiter sehr problematischer Mikrofinanzmarkt wird Kambodscha genannt – mit den dortigen Problemen hat sich ECOreporter bereits im Februar ausführlich beschäftigt (mehr dazu lesen Sie hier).
In der ZDF-Sendung werden westliche Anbieter von Mikrofinanz-Investments nicht direkt beschuldigt, mitverantwortlich für die Probleme in Sri Lanka und Kambodscha zu sein. Der Bericht erwähnt aber Anbieter wie Oikocredit, Invest in Visions, die GLS Bank und die Bank im Bistum Essen und zitiert teilweise aus Texten von deren Websites. ECOreporter hat mit den vier Unternehmen und einem weiteren Anbieter, der Impact AM, gesprochen.
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Alle fünf Anbieter verleihen eigenen Angaben zufolge schon seit Jahren kein Geld mehr an Mikrofinanzbanken in Sri Lanka beziehungsweise haben dies noch nie getan.
Einseitige Berichterstattung?
„Das ZDF hat in der Sendung über die Ausbeutung von Menschen bei der Vergabe von Mikrokrediten berichtet und dabei den falschen Eindruck erzeugt, auch Invest in Visions sei hieran beteiligt. Uns blieb die Möglichkeit verwehrt, mit unseren Antworten die verfälschende Berichterstattung zu verhindern", kritisiert Invest in Visions. Tatsächlich gebe es keinen von unabhängiger Stelle bestätigten Bericht über missbräuchliche Kreditvergaben im Zusammenhang mit von Invest in Visions gemanagten Fonds. Die Fonds hätten zudem in Sri Lanka und Kambodscha "aufgrund der dortigen Marktentwicklungen" schon seit 2021 beziehungsweise Ende 2022 keine neuen Investitionen mehr in Mikrofinanzinstitute getätigt.
Schwerste Wirtschaftskrise seit 1948
„Bei Sri Lanka sollte man das größere Bild in den Blick nehmen, um eine richtige Einschätzung abgeben zu können“, sagt Günther Kastner, Gründer der Impact Asset Management GmbH (Impact AM) . „In der ZDF-Doku wird unterstellt, dass Mikrofinanzfonds und Entwicklungsbanken in Sri Lanka – und Kambodscha – den finanziellen Ruin der Kreditnehmer begünstigen. Dass jeder Geldfluss in die genannten Länder Schaden anrichtet, ist falsch, massiv schädlich für die Menschen vor Ort und irreführend. Die aufgezeigten Fälle von Wucherzinsen und Überschuldung sind Themen, mit denen Menschen konfrontiert sind, wenn sie keinen geregelten Zugang zu Geld erhalten, ihre Finanzsituation nicht dokumentiert und geprüft wird und sie schlecht beraten bzw. ausgenutzt werden. Sri Lanka befindet sich bereits seit 2019 in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit der Staatsgründung im Jahr 1948. Das Land kämpft gegen eine Überschuldung des Marktes, die sich durch verschiedene Krisen wie den Staatsbankrott oder die Corona-Pandemie weiter verschärft hat.“
Unverantwortliche Kreditvergaben

In vielen Ländern erhalten Frauen mehr Mikrofinanzkredite als Männer. / Foto: Pixabay
„In der Regel finanzieren die Mikrofinanzinstitute nur Kunden mit einem etablierten Geschäftsbetrieb, mit dem die Kosten des Kredites finanziert werden können“, erläutert die Bank im Bistum Essen (BIB). „Krasse Negativbeispiele, so wie sie in der Reportage gezeigt werden, dürften daher tatsächlich absolute Ausnahmen darstellen. Nur unter bewusster Missachtung der Vorschriften und bei mangelhaften Kontrollmechanismen der Mikrofinanzinstitute sind die unverantwortlichen Kreditvergaben, wie sie im ZDF-Beitrag geschildert werden, möglich. Das Vorhalten und Umsetzen von Konzepten zum Kundenschutz ist in unseren Kreditverträgen als eine Mindestvoraussetzung für die Aufrechterhaltung der Geschäftsbeziehung definiert.“
Renditejäger drängen in den Mikrofinanzmarkt
In den letzten Jahren haben immer mehr asiatische Geschäftsbanken mit rein kommerziellen Interessen neue Mikrofinanzinstitute gegründet, um vom Wachstumsmarkt Mikrofinanz zu profitieren. Dadurch ist die Gefahr gestiegen, dass auch vorrangig gemeinnützige Anbieter, die früher den Kern der Branche bildeten, in Verruf geraten und Mikrofinanzkredite insgesamt weniger nachhaltige Wirkung erzielen.
„Der Mikrofinanzsektor heute hat zahlreiche Akteure mit unterschiedlichen Interessen und Motivationen: kommerzielle Investor*innen, Investor*innen mit sozialer Wirkung, NGOs, Regulierungsbehörden, Kreditnehmer*innen. Sie sind keine homogene Gruppe. Es handelt sich vielmehr um einen dynamischen, komplexen Sektor“, erläutert Ging Ledesma, Strategische Beraterin für Soziales Wirkungsmanagement bei Oikocredit International. "Es gibt Akteure, die der ursprünglichen Idee der Mikrofinanz treu bleiben: das Leben von wirtschaftlich benachteiligten Menschen zu verbessern, indem sie ihnen Zugang zu Finanzdienstleistungen verschaffen. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass Mikrofinanz in Asien, Lateinamerika und Afrika viel Gutes bewirkt. Aber es gibt auch Akteure, die erst in den Sektor eingestiegen sind, als sie sahen, dass die Menschen, die zuvor von Großbanken abgewiesen wurden, da sie als „kreditunwürdig“ galten, nun Geld sparen, Kredite zurückzahlen, Überweisungsdienste in Anspruch nehmen, Versicherungsprämien zahlen, Darlehen für die Renovierung von Häusern aufnehmen und zurückzahlen können. Leider wollten viele dieser Akteure mit ihren Investitionen primär das Wachstum des Sektors beschleunigen. Viele stiegen auch mit dem vorrangigen Wunsch nach Gewinnmaximierung in den Markt ein. Oikocredit war sich der beiden Seiten der Mikrofinanz immer bewusst. Unsere Mission ist es seit 50 Jahren, das Wohlergehen der Kund*innen zu schützen und zu fördern. Wir arbeiten mit Regulierungsbehörden zusammen und unterstützen sie, damit Branchenstandards entwickelt und die Akteure im Bereich Mikrofinanz zu einem verantwortungsvollen, ethischen Geschäftsgebaren angehalten werden.“
Kein Geld in übersättigte Märkte
„Uns ist bewusst, dass eine missbräuchliche bzw. nicht verantwortungsbewusste Mikrofinanz Schaden anrichten kann“, sagt Katharina Lange, Senior Research Analystin bei der GLS Bank-Tochter GLS Investments. „Auf Basis von zwei Studien („Kleines Geld – große Erwartungen“ und „Mikrofinanzen in Entwicklungsländern“), die wir in Auftrag gegeben haben, haben wir uns intensiv damit auseinandergesetzt. Oberste Priorität hat für uns, dass die Mikrokreditnehmer*innen nicht geschädigt werden. Hierfür haben wir in unseren Anlagerichtlinien umfangreiche Kriterien, auch in Hinblick auf Kundenschutz formuliert. Um unserem Anspruch auch in Zukunft gerecht zu werden, haben wir diese Anlagerichtlinien auf Grundlage der zweiten Studie überarbeitet. Beispielsweise sind übersättigte Märkte erstmals ein explizites Ausschlusskriterium. Es gibt aber leider keine Garantie dafür, dass niemals kritische Fälle oder Meldungen über eines unserer Partnerinstitute veröffentlicht werden.“
Die in Wien ansässige Impact AM GmbH, die Frankfurter Invest in Visions GmbH, die BIB aus Essen und die Bochumer GLS Bank bieten Mikrofinanzfonds an, die ECOreporter hier getestet hat.
In die Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit, die ihre internationale Zentrale in den Niederlanden hat, können Anlegerinnen und Anleger über den Erwerb von Genossenschaftsanteilen investieren.