Kreuzfahrtanbieter sind ein häufig gesehener Gast in nachhaltigen Fonds und ETFs. / Foto: Pixabay

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Warum sind Shell, Rheinmetall und die Deutsche Bank in nachhaltigen ETFs?

Erneuerbare Energien, Bio-Lebensmittel, ökologische Baustoffe – an Themen wie diese denken viele Anlegerinnen und Anleger, wenn sie in nachhaltige Fonds oder ETFs einsteigen. Die Realität sieht allerdings leider häufig ganz anders aus.

Ein kleiner Test: Lesen Sie sich die folgende Liste durch und überlegen Sie, welche der Unternehmen Sie in Ihrem Depot haben möchten.

  • Erdöl: ExxonMobil, Shell, TotalEnergies, BP, Enbridge, Schlumberger, Halliburton
  • Atomkraft: NextEra Energy, Iberdrola
  • Große Kohlefinanziers: JP Morgan, Bank of America, Deutsche Bank, Mizuho
  • Luxuswaren, darunter Pelze: LVMH, Hermès
  • Fastfood: McDonald's, Coca-Cola
  • Massentierhaltung: Tyson Foods, Hormel Foods
  • Luftfahrt: Singapore Airlines, Southwest Airlines, Japan Airlines
  • Kreuzfahrten: Walt Disney, Royal Caribbean, Carnival Corp.
  • Kontroverse Rüstungsgeschäfte: Rolls-Royce, Rheinmetall
  • Bergbau: Rio Tinto, Anglo American
  • Glücksspiel: Las Vegas Sands, MGM Resorts, Gaming and Leisure Properties
  • Verstöße gegen Arbeitsrechte: Amazon
  • Umgang mit Kundendaten: Alphabet (Google), Meta (Facebook)

Vermutlich werden Sie in viele, vielleicht sogar alle oben genannten Konzerne nicht investieren wollen. Und jetzt die zweite Frage: Was glauben Sie, wie viele dieser Unternehmen finden sich Stand 20. Mai 2024 im iShares MSCI World ESG Screened, einem ETF des weltgrößten Vermögensverwalters BlackRock?

Der folgende Premium-Inhalt ist aufgrund des Artikelalters nun frei verfügbar.

Die Antwort: alle.

Warum können so viele Aktien in einem ETF stecken, der als nachhaltig beworben wird und das Kürzel „ESG“ im Namen trägt, also bei seiner Aktienauswahl Kriterien aus den Bereichen Ökologie (Environment), Soziales (Social) und gute Unternehmensführung (Governance) mit einbeziehen soll? Die Antwort: Weil Nachhaltigkeit in der Finanzbranche nach wie vor ein sehr dehnbarer Begriff ist. Es gibt bis heute keine verbindlichen Definitionen und noch nicht einmal umfassende Mindeststandards. Der Begriff „ESG Screened“ aus dem oben genannten ETF meint beispielsweise lediglich, dass bei der Zusammenstellung des Aktienindex, den der ETF abbildet, ESG-Kriterien berücksichtigt werden.

Eher nebensächlich: ein nachhaltiges Kerngeschäft

Wie streng solche Kriterien sind, können Anlegerinnen und Anleger oft kaum erkennen. Und meist ist es für Indizes auch gar nicht relevant, ob Unternehmen ein nachhaltiges Geschäftsmodell haben. Um für die Aktienlisten in Frage zu kommen, reicht es häufig, wenn sie in einigen Bereichen nachhaltiger sind als die Konkurrenz (man spricht dann von einem Best-in-Class-Verfahren).

So kann beispielsweise ein Ölmulti in einen ESG-ETF rutschen, weil er Betriebskindergärten unterhält und seinen Vorständen keine überzogenen Gehälter zahlt. Das Kerngeschäft wird dadurch aber nicht klimafreundlicher. Viele hellgrüne Indizes sind kaum von herkömmlichen zu unterscheiden, da sie bei der Auswahl so niedrige Anforderungen an Aktiengesellschaften stellen, dass nur wenige durchs Bewertungsraster fallen.

Gleiches gilt für Ausschlusskriterien. Während tiefgrüne Fonds zahlreiche kontroverse Branchen komplett ausschließen, ist bei anspruchsloseren ETFs oft nur Offensichtliches wie illegale Geschäftspraktiken oder geächtete Waffen tabu. Und für anderes wie etwa fossile Energien gelten großzügige Toleranzgrenzen, manchmal bis zu einem Umsatzanteil von 30 oder sogar 50 Prozent.

Feigenblatt Transformation

Oder es gibt Ausnahmeregeln, weil Konzerne zwar beispielsweise dem Klima schaden, aber angeblich um Besserung bemüht sind – zumindest irgendwann, irgendwie. Hier hilft das Modewort „Transformation“, mit dem auch Firmen aus den dreckigsten Branchen als Nachhaltigkeitsvorreiter hingestellt werden können.

Das Kalkül der Indexanbieter: Sind die Regeln lax, lässt sich ein Index so breit aufstellen, dass er in vielen Marktphasen gute Aussichten hat (und Finanzkonzerne Lizenzgebühren zahlen, um einen ETF auf den Index auflegen zu dürfen). Sind an der Börse Solaraktien gefragt, profitiert ein solcher ETF von den Wertgewinnen seiner Solarpapiere. Laufen die Aktien von Ölkonzernen besser, holt er sich bei ihnen die Rendite, während kerngrüne Fonds ohne Öl-Investments möglicherweise mit einer schlechteren Kursentwicklung leben müssen.

Hauptsache, es sieht grün aus

Ein paar hohe Toleranzschwellen hier, ein paar Hintertürchen da, und schon lässt sich in nahezu alles investieren, ohne dass ein ETF auf den für das Marketing wichtigen Nachhaltigkeitsstempel verzichten muss. Und die meisten Anlegerinnen und Anleger machen sich verständlicherweise nicht die Mühe, die manchmal mehr als 1.000-seitigen Jahresberichte von ETFs zu durchwühlen, um herauszufinden, welche Aktien sie tatsächlich im Depot haben. So kommt es, dass viele vermeintlich grüne Investment-Milliarden weitestgehend unbeachtet in Erdöl-, Kohle- oder Rüstungskonzernen stecken.

ECOreporter testet regelmäßig als nachhaltig beworbene Fonds und ETFs und schaut sich dabei neben dem Auswahlverfahren auch jedes einzelne Unternehmen in der Wertpapierliste an. Viele Produkte, insbesondere ETFs, halten einer kritischen Überprüfung ihrer Nachhaltigkeit nicht stand, manche betreiben schamlos Greenwashing.

Aber es gibt auch zahlreiche Fonds und ETFs, die sehr hohen Ansprüchen genügen und einen großen Bogen um fossile Energien, Waffen oder Kinderarbeit machen – ohne dass ihre Renditen darunter leiden.

Lesen Sie dazu diese ECOreporter-Dossiers:

Nachhaltige Fonds – hier finden Sie unabhängige Tests, News, Wertentwicklungen

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