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Nachhaltige Aktien, Anleihen / AIF, Fonds / ETF
Ethische Geldanlage: Was wirklich wichtig ist
Kann ich Waffenproduktion, Atomenergie oder Tierversuche ethisch für sinnvoll halten und dort mein Geld anlegen? Wo sind Grenzen? Worüber sollte ich mir klar werden, bevor ich investiere? Und wie finde ich nachhaltige Finanzprodukte, die wirklich zu meinem moralischen Kompass passen? Ein Essay von ECOreporter-Chefredakteur Jörg Weber.
Waffen? Können niemals ethisch sein! Atomenergie? Natürlich nicht nachhaltig! Wer ethisch Geld anlegen will, stößt recht bald auf ein Problem: Man muss entscheiden, was überhaupt ethisch ist. Und dann stellt sich heraus: Es gibt nicht eine einzelne Definition dazu, sondern viele. Richtig viele. Und erst das Wortwirrwarr! „Ethisches Investment“, „Grünes Geld“, „verantwortungsvolle Geldanlage“, CSR, ausgeschrieben „Corporate Social Responsibility“. Da klingt „nachhaltige“ oder „ökologische“ Geldanlage ja noch einfach. Aber: Alles das sind keine klar definierten Begriffe. Letztlich ist es leider ein Haufen Vielfalt mit geringer Trennschärfe.
Ohne Eigeninitiative geht es nicht
Was also ist eine ethische Geldanlage wirklich? Die deprimierende Antwort wäre: Das kann niemand so genau sagen. Die richtige Antwort, die es allerdings auch nicht gerade leicht macht, lautet: Das muss jede und jeder für sich selbst entscheiden. Da hilft nichts außer: Hinsetzen und selbst überlegen. Immerhin, es gibt einige Grundsätze, die helfen können. Zunächst einmal ist Ethik „das sittliche Verständnis“, sie ist eines der Teilgebiete der Philosophie und befasst sich mit Moral.
Daher hat sie die Aufgabe, Kriterien für gutes und schlechtes Handeln und die Bewertung seiner Motive und Folgen aufzustellen. Die Ethik, die auch „Moralphilosophie“ genannt wird, fragt „Wie soll ich mich verhalten?“ Soll ich in Erdölaktien investieren oder nicht? Wahrscheinlich hat jeder Mensch hierzu seine eigene Meinung. Nimmt man moralische Antworten auf viele andere solcher Fragen hinzu, entsteht eine persönliche Ethik – und davon gibt es dann so viele wie Menschen auf der Erde.
Man mag das bedauern, und es gibt genug Versuche, aus diesem scheinbaren Dilemma herauszukommen, indem man eine Ethik für alle zu definieren versucht. Aber wer näher hinschaut, stellt fest: Es ist gar kein Dilemma, es ist eine Chance.
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Beispiel Waffenproduktion: Ja, Waffen können töten. Andererseits erlaubt das Völkerrecht einem Staat die Selbstverteidigung. Und das Strafrecht gestattet auch Einzelnen die Selbstverteidigung, beispielsweise in Notwehr. Wiederum: Waffenproduzenten und ihre Verkäufer halten sich nicht immer an alle Regeln. Und natürlich wäre die Welt ohne Waffen besser dran. Man kann das alles lange diskutieren.
Am Ende werden trotzdem mehrere Meinungen möglich sein. Und dann ist für die eine die Waffenproduktion in Ordnung, für den anderen tabu. Auch bei der Geldanlage. Wobei es auch noch Zwischenformen gibt: Menschen, die die Waffenproduktion teilweise für notwendig halten, aber ihr Geld dort keinesfalls investieren möchten. Man muss sich schließlich mit der eigenen Geldanlage auch wohlfühlen. Oder andere, die Waffen schrecklich finden, aber in Aktien von Waffenproduzenten investieren, weil die so tolle Kurssteigerungen haben.
Atomkraft nein danke?
Ein weiteres Beispiel für ein Problem der ethischen Geldanlage ist Atomkraft: Viele Deutsche konnten es nicht fassen, dass die Europäische Kommission vor wenigen Jahren die Investments in Atomkraft als nachhaltige Geldanlage definierte. Eine Energieform, deren Abfälle in dünnen Blechbehältern nahezu ungeschützt vor Raketenangriffen neben den Reaktoren lagern – das kann die EU doch nicht als nachhaltig bezeichnen! Tut sie aber. Und daher gibt es viele nachhaltige Finanzprodukte, die von ihren eigenen Kriterien her auch in Atomenergie investieren dürfen. Die EU hat‘s beschlossen, dann gilt das eben für die Geldanlage und ist damit für alle als nachhaltig anzuerkennen? Glücklicherweise nicht. Wer nicht in Atomenergie investieren will, der findet Hunderte nachhaltige Finanzprodukte, die Kernkraft weiterhin ausschließen.
Etliche Themen, die oft bei der ethischen Geldanlage zu beachten sind, sind relativ eindeutig: Wer wollte behaupten, Kinderarbeit sei überhaupt unter irgendeinem Gesichtspunkt als nachhaltig oder ethisch zu qualifizieren? Aber Achtung: Man muss definieren, bis zu welchem Alter ein Kind noch ein Kind ist. Immerhin, dafür gibt es anerkannte Regeln, die der Finanzbranche und Anlegenden helfen.
Die Vielfalt nachhaltiger Geldanlagen ist groß

Ohne mutige nachhaltige Anlegerinnen und Anleger sähe es für die Energiewende in Deutschland heute wahrscheinlich deutlich schlechter aus. / Foto: Pixabay
Doch wie ist es beispielsweise mit Aktien von Unternehmen, die Tierversuche durchführen lassen: Gehören die in einen nachhaltigen Aktienfonds? Vielleicht nur Aktien von den Unternehmen, die versprechen, Tierversuche allenfalls durchzuführen, wenn es der Entwicklung von Medikamenten dient. Beispielsweise für Kinder. Aber wenigstens keine Tierversuche für Kosmetika? Was ist mit Tierversuchen in Rüstungsunternehmen? Was ist mit Versuchen an wirbellosen Tieren, an Schnecken beispielsweise? Oder an winzigen Pantoffeltieren – ethisch oder unethisch?
Schwierige Fragen. Man sollte sie sich stellen. Und wenn man für sich persönlich die Antwort hat, dann hat man eine erstaunliche Möglichkeit: Nämlich eine Geldanlage zu finden, die dazu passt. Es gibt so viele nachhaltige Aktienfonds. Und sie haben so unterschiedliche Kriterien, dass sich ein passender finden sollte. Man muss allerdings meist tief ins Kleingedruckte schauen, bis man fündig wird (oder die detaillierten ECOreporter-Fondstests lesen). Und dann noch prüfen, wie der Fonds finanziell abschneidet.
Zwischenfazit: Die eigenen Wertmaßstäbe kann man in die Geldanlage übertragen, weil sich bei den ethischen und nachhaltigen Anlagen eine Vielfalt bietet, die ein großes Spektrum an ethischen Einstellungen abdeckt.
Grünes Geld kann die Welt verändern
Es gibt aber noch einen Aspekt zu beachten bei der Geldanlage: die Wirkung. Ein Beispiel: Wer eine Solaraktie kauft, gibt das Geld der Verkäuferin der Aktie, nicht dem Solarunternehmen. Die Wirkung dieses Deals? Nicht zu ermitteln, denn wer weiß schon, was die Aktienverkäuferin mit der erhaltenen Summe anstellt?
Gegenbeispiel: Ende der 1980er Jahre beteiligten sich die ersten Deutschen mit Summen von 500 Mark an Windrädern, damals waren das noch kleine Rotoren auf einem Gerüst, das wirkte wie ein Strommast. Ihr Geld half, die Welt zu verändern: Heute erzeugen wir in Deutschland – konkret im ersten Quartal 2024 – fast 40 Prozent des Stroms aus Windenergie. Dass die Energiewende zumindest in Deutschland bei der Stromproduktion auf einem erfolgreichen Weg ist (wenn es auch zu langsam vorangeht), ist erst durch Geld von ethisch anlegenden Menschen möglich geworden.
Wer eine ähnlich direkte Wirkung der Geldanlage sehen will, kann zu den Mikrofinanzen schauen: Der Geldfluss ist nachvollziehbar, die Wirkung auch. Und wer Festgeld bei einer Bank anlegt, kann immerhin prüfen: Gibt sie das Geld per Kredit einem Unternehmen, das damit Kinderspielzeuge oder Handfeuerwaffen herstellt? Verweigert die Bank die Auskunft, dann sieht es dort mit der ethischen Geldanlage nicht gut aus.
Fazit:
Zu den meisten persönlichen Wertvorstellungen gibt es eine passende Geldanlage. Die zu finden, kann teilweise allerdings Ausdauer erfordern. Aber Hand aufs Herz: Bestimmt haben Sie schon einmal zahlreiche Produkttestes studiert, bevor Sie einen Staubsauger gekauft oder eine Versicherung abgeschlossen haben, oder? Dann investieren Sie bitte mindestens so viel Zeit, bevor Sie Ihr Geld anlegen. Denn dabei geht es meistens um viel größere Summen!