Kundenbereich eines Mikrofinanzinstituts, mit dem der Dual Return Fund zusammenarbeitet. / Foto: I-AM

  Anleihen / AIF, Fonds / ETF

Mikrofinanzfonds: „Wir erwarten 4 bis 6 % Rendite pro Jahr“ (Interview)

Der Weltwirtschaft geht es nicht gut. Das sorgt vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern für großes Leid. Viele Menschen dort profitieren von Mikrokrediten, doch diese Darlehen müssen auch wieder zurückgezahlt werden. Schaffen die Kreditnehmer das derzeit? Diese und weitere Fragen stellt ECOreporter den Anbietern von vier besonders nachhaltigen Mikrofinanzfonds.

Mikrofinanzfonds sind Investments mit sehr hoher nachhaltiger Wirkung. Denn das Geld, das Anlegerinnen und Anleger in diese Fonds stecken, geht als Kleinstkredite an arme Menschen im globalen Süden, die sich damit eine wirtschaftliche Existenz aufbauen.

Zu den renommiertesten Mikrofinanzfonds, die in Deutschland angeboten werden, gehören der GLS Alternative Investments – Mikrofinanzfonds der Bochumer GLS Bank, der KCD Mikrofinanzfonds – III von der Bank im Bistum Essen, der IIV Mikrofinanzfonds der Invest in Visions (IIV) GmbH aus Frankfurt und der Dual Return Fund – Vision Microfinance, den die Wiener Investmentgesellschaft Impact Asset Management (I-AM) betreut.

ECOreporter hat die vier Fonds hier getestet.

Hohe Inflationsraten und Zinsen, die Nachwehen der Corona-Pandemie, mancherorts auch Kriege und Naturkatastrophen: In vielen ärmeren Ländern ist die wirtschaftliche Lage schon seit längerem angespannt. Wie hoch sind die Ausfallquoten von Mikrokrediten? Wie stark steigt ihr Zins? Wo sind Investments derzeit zu riskant? Wie werden sich die Renditen von Mikrofinanzfonds entwickeln?

Die ECOreporter-Fragen beantworten im Premium-Bereich Katharina Lange, Research-Analystin für Entwicklungsfinanzierung bei der GLS Bank, Ralf Burmeister von FS Impact Finance, der das Portfolio des GLS-Mikrofinanzfonds managt, Markus Christ, Direktor für Impact Investments bei der BIB, Michael Zink, Leiter der Kundenabteilung von Invest in Visions, und Günther Kastner, der Gründer von I-AM.

Der folgende Premium-Inhalt ist aufgrund des Artikelalters nun frei verfügbar.

ECOreporter: Viele Menschen, die Mikrokredite erhalten haben, mussten in den letzten Jahren große Herausforderungen bewältigen. Wie kommen Ihre Kunden durch die Mehrfachkrisen? Fallen häufiger Kredite aus?

Katharina Lange (GLS Bank): Im Zuge der Pandemie ist die Zahl der Menschen in extremer Armut erstmals seit 20 Jahren wieder gestiegen. Doch trotz leicht erhöhter Ausfallraten im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit hat sich die Lage merklich stabilisiert. Die Mikrofinanzinstitute sind jetzt angesichts des gestiegenen Zinsniveaus zwar etwas vorsichtiger in der Planung, doch insgesamt wachsen sie und haben einen guten Zugang zu Kapital. Das stimmt uns positiv.

Markus Christ (BIB): Unsere Endkunden waren in den letzten Jahren insbesondere von Einkommensverlusten während der Pandemie sowie durch eine hohe Inflation belastet. Für viele dieser Kunden waren Kreditmoratorien und Restrukturierungen wichtig, um durch diese Krise zu kommen. Dies zeigt sich auch in der Qualität unseres Kreditportfolios, die sich 2020 und 2021 verschlechterte. Seitdem verzeichnen wir aber eine kontinuierlich positive Entwicklung. Aufgrund der derzeitigen weltwirtschaftlichen Lage gehen wir jedoch nicht davon aus, dass wir mittelfristig bei den Kreditausfällen das niedrige Niveau von vor der Pandemie erreichen werden.


Diese Mikrofinanzkundin aus Indonesien hat einen Kleinstkredit von einer Partnerbank des GLS-Mikrofinanzfonds erhalten. / Foto: Komida

Michael Zink (IIV): Die Menschen in den Zielländern, in denen der IIV Mikrofinanzfonds investiert, sind sehr krisenresistent. Politische Instabilität, Naturereignisse, Wirtschaftskrisen, ungenügende Infrastruktur und mangelhafte Gesundheitsversorgung sind für sie häufig Normalität. Während in den Industrieländern bereits ein festgefahrener Tanker im Suezkanal ausreicht, um Lieferengpässe zu verursachen und Fließbänder zum Stillstand zu bringen, reagieren die Kleinstunternehmer in Entwicklungs- und Schwellenländern deutlich flexibler, indem sie ihr Geschäftsmodell zügig an sich veränderte Bedingungen anpassen.

Während der Pandemie hat sich gezeigt, dass die Ausfälle der Endkreditnehmer zunächst minimal angestiegen sind. Binnen weniger Monate konnten die Ausfallquoten dann bereits wieder auf Vor-Corona-Niveau zurückgeführt werden. Auch der jüngste Anstieg des globalen Zinsniveaus hat bisher noch keine Auswirkungen auf die Rückzahlungsquote gezeigt. Dank der durch Mikrofinanz ermöglichten Investitionen sind die erzielten Margen und Produktionsgewinne meist deutlich höher als die im gleichen Zeitraum gestiegenen Zinskosten.

Wie genau entwickeln sich die Kreditzinsen für Ihre Endkunden?

Markus Christ (BIB): Wir stellen im Durchschnitt einen leichten Anstieg um einen Prozentpunkt im Vergleich zu Ende 2021 fest. Die aktuelle Verzinsung liegt jedoch zwei Prozentpunkte unterhalb des Niveaus von Ende 2019. Endkreditnehmer können also aktuell, trotz zuletzt gestiegener Kosten, im Durchschnitt günstigere Kredite als vor der Coronapandemie in Anspruch nehmen. Wir halten es aber für wahrscheinlich, dass Mikrofinanzinstitute wegen erhöhter Refinanzierungskosten und der Inflation ihre Zinssätze anheben werden müssen.

Günther Kastner (I-AM): Aktuell steigen die Zinssätze in unseren Partnerländern mit den Leitzinsen der US-Notenbank Fed mit. Die Endkunden der Mikrofinanzinstitute werden das merken, aber in einem relativ gesehen geringeren Ausmaß.

Haben Sie sich in den letzten Jahren aus Ländern zurückgezogen, weil Ihnen die Risiken dort zu groß geworden sind?

Markus Christ (BIB): In einzelnen Märkten haben wir unser Engagement reduziert, z.B. in Südamerika (Bolivien und Peru), oder aufgrund unterschiedlicher externer Rahmenbedingungen entschieden, in Myanmar oder Kambodscha bis auf Weiteres keine neuen Investitionen zu tätigen.

Günther Kastner (I-AM): Wir meiden aktuell die Region um Russland.

Michael Zink (IIV): Im Kaukasus haben wir insbesondere die veränderte Risikosituation im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg im Blick behalten. Nach der russischen Invasion in die Ukraine und der damit verbundenen Unsicherheit für die Nachbarländer haben wir den Darlehenserwerb für die von uns verwalteten Fonds in Osteuropa und Zentralasien aufgrund der geografischen Nähe zum Kriegsgeschehen und der wirtschaftlichen Verflechtungen mit Russland zunächst vollständig eingestellt. Nachdem wir uns zur Jahresmitte, nicht zuletzt durch einen Besuch in Usbekistan und Kirgisistan, von der Stärke der dortigen Volkswirtschaften überzeugen konnten, wurde der Erwerb von Darlehen für diese Region wieder aufgenommen.

Wir haben uns zudem intensiv mit der Entwicklung des Mikrofinanzmarktes in Kambodscha beschäftigt. Eine unabhängige Studie des Instituts für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg hat einerseits gezeigt, dass die überwiegende Mehrheit der Kreditnehmer in Kambodscha die Kredite positiv bewertet und sich von den Mikrofinanzinstituten respektvoll behandelt fühlt. Andererseits wurde durch die Studie auch die hohe durchschnittliche Überschuldung der kambodschanischen Haushalte bestätigt, auf die Nichtregierungsorganisationen kritisch hinweisen. Wir standen und stehen in intensivem Austausch sowohl mit unseren Partnerinstituten als auch mit der Zivilgesellschaft und haben beschlossen, 2023 zunächst keine weiteren Investitionen in kambodschanische Mikrofinanzinstitute zu tätigen.


Diese Frau hat sich mit einem von Invest in Visions finanzierten Mikrokredit ein Kleingewerbe aufgebaut. / Foto: IIV

Tages- und Festgeld bringen derzeit höhere Renditen als Mikrofinanzfonds. Ziehen Anlegerinnen und Anleger jetzt Kapital aus Ihren Fonds ab?

Markus Christ (BIB): Wir sehen aktuell beim Fondsvolumen eine Seitwärtsbewegung. Nach einem guten Jahr 2022 mit starkem Wachstum verzeichnen wir im laufenden Jahr verhaltenes Anlegerinteresse sowie Rückgaben von Anteilsscheinen in überschaubarem Umfang.

Katharina Lange (GLS Bank): Unserer Erfahrung nach sind private Anlegerinnen und Anleger stabile und verlässliche Investorinnen und Investoren mit einem starken Nachhaltigkeitsanspruch, die es schätzen, dass ihr Geld langfristig und sinnvoll angelegt ist. Von privaten Anlegerinnen und Anlegern erhalten wir auch weiterhin positive Nettomittelzuflüsse, wenn auch auf niedrigeren Niveaus als vor zwei bis drei Jahren. Dem allgemeinen Markttrend können wir uns daher nicht ganz entziehen.

Michael Zink (IIV): Während die Anlageklasse Mikrofinanz in den letzten Jahren vom Niedrigzinsumfeld profitierte, haben insbesondere institutionelle Investoren, die das Produkt als Geldmarktersatz eingesetzt haben, inzwischen wieder in höherverzinsliche Geldmarktanlagen umgeschichtet. Erfreulicherweise sind diese Abflüsse aber bislang moderat geblieben, insbesondere weil für die meisten institutionellen Investoren der Nachhaltigkeitsaspekt überwiegt. Private Kunden erweisen sich meistens als „Überzeugungstäter“. Die Kombination aus sozialer Rendite und solider finanzieller Performance sorgt in diesem Segment regelmäßig für Zuflüsse. Und nicht zu vergessen: Auch Mikrofinanzfonds profitieren von einem steigenden globalen Zinsumfeld.

Werden die Renditen von Mikrofinanzfonds, die zuletzt bei 1 bis 2 Prozent pro Jahr lagen, in Zukunft höher ausfallen?

Markus Christ (BIB): Wir gehen davon aus, dass wir unter anderem aufgrund eines veränderten Zinsniveaus in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern einen schrittweisen Anstieg der Fondsrendite sehen werden.

Ralf Burmeister (GLS-Mikrofinanzfonds): Krisen häufen sich, die Welt wird immer komplexer. Einfache Wahrheiten gibt es nicht. Aber die Erfahrungen der vergangenen Jahre machen uns Mut. Mikrofinanzinstitute und ihre Kundinnen und Kunden haben sich schnell und flexibel an die neuen Gegebenheiten angepasst. Mikrofinanzfonds, die als Kreditfonds strukturiert sind, werden wahrscheinlich auch künftig nur sehr gering mit der Entwicklung an den Kapitalmärkten korrelieren. Ausfälle sollten sich weiterhin auf einem sehr moderaten Niveau bewegen. Die gestiegenen Zinsen – und damit auch die Trends auf den Währungsmärkten – könnten sich auch positiv auf Mikrofinanzfonds auswirken, weil u.a. die Absicherungskosten von US-Dollar zu Euro gesunken sind. Dies dürfte auch für die nächsten 12 bis 15 Monate so bleiben.

Michael Zink (IIV): Die meisten Fondskurse steigen in diesem Jahr bislang deutlich. Und dank zunehmender Professionalisierung und Digitalisierung der Mikrofinanzinstitute erwarten wir eine weitere Verbesserung der finanziellen Ergebnisse. Aufgrund der breiten Streuung unseres Mikrofinanzfonds sind auch in Zukunft nur sehr moderate Ausfallraten zu erwarten. Wäre die Anlageklasse Mikrofinanz eine Aktie, wäre jetzt ein guter Einstiegsmoment.

Günther Kastner (I-AM): Aktuell sehen wir gutes Wachstum und fallende Risikokennzahlen in vielen Regionen. Die Portfolioverzinsung unserer Mikrofinanzfonds steigt, bedingt durch die kurze durchschnittliche Kreditlaufzeit von 1,74 Jahren, mit den steigenden Leitzinsen mit. Die Renditen werden daher mit etwas Verzögerung deutlich anziehen. Wir erwarten 4 bis 6 Prozent pro Jahr über die nächsten 12 bis 24 Monate.

Verwandte Artikel

03.06.26
 >
03.10.25
 >
06.05.23
 >
02.06.25
 >
20.01.26
 >
Aktuell, seriös und kostenlos: Der ECOreporter-Newsletter. Seit 1999.
Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x