Gigawatt-Solarpark in der von Uiguren bewohnten Region Xinjiang im Westen Chinas. Ökoworld spricht mit chinesischen Unternehmen nicht nur über erneuerbare Energien, sondern versucht auch die Menschenrechtslage zu sondieren. In Xinjiang investiert Ökoworld nicht. / Foto: imago, Xinhua

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„Mehr Nachhaltigkeit ist ein Vorteil für uns alle!“ (Ökoworld-Interview)

Verena Kienel und Lars von Danwitz sind im Nachhaltigkeits-Research des Fonds-Anbieters Ökoworld tätig. Im Doppelinterview erklären die beiden, wie die nachhaltige Geldanlage etwas bewirkt, welche Hebel und Mechanismen sie nutzen und wie sie Unternehmen von Deutschland bis China zu mehr Nachhaltigkeit bewegen.

Ökoworld aus Hilden bei Düsseldorf ist ein deutscher Pionier der nachhaltigen Geldanlage. Seit der Gründung 1975 ist der Finanzdienstleister auf ethisch-ökologische Investments spezialisiert. Das börsennotierte Unternehmen (3,95 Millionen Stammaktien und 3,05 Millionen stimmrechtslose Vorzugsaktien) bietet Fonds für private und institutionelle Anleger sowie  Vorsorgelösungen an. Der bereits 1996 gestartete Aktienfonds Ökoworld Ökovision Classic hat als einer der ersten seiner Art  gezeigt, dass auch konsequente Nachhaltigkeitskriterien zu finanziellen Erfolgen führen. Mit fast 60 Mitarbeitenden konzentriert sich Ökoworld ausschließlich auf nachhaltige Finanzen. Alle Ökoworld-Fonds tragen das ECOreporter-Nachhaltigkeitssiegel.


Verena Kienel (Jahrgang 1980) ist seit 2017 bei Ökoworld und leitet dort das Nachhaltigkeits-Research. Zuvor war sie zehn Jahre in London in verschiedenen Funktionen bei einer globalen Investmentbank. Sie hat ein Master-Studium in Sustainability Management (MBA) an der Leuphana Universität Lüneburg absolviert und International Business Economics (MSc) an der University of Westminster studiert. Sie ist zertifizierte ESG-Analystin (CESGA). Seit 2025 ist Kienel stellvertretende Vorsitzende Deutschland im Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG), einem Branchenverband für nachhaltige Investments. / Foto: Ökoworld

ECOreporter: Welches Investment ist Ihr Lieblingsbeispiel dafür, dass eine Geldanlage etwas in Richtung Nachhaltigkeit bewegt?

Lars von Danwitz: ASMPT, ein Hersteller von Anlagen für Halbleiter und Elektronikfertigung aus Singapur. Wir beobachten das Unternehmen schon länger, und Mitte 2024 stand für uns fest: Im Klimabereich passiert dort zu wenig, aber es gibt Potenzial. Da haben wir uns mit den Verantwortlichen in Verbindung gesetzt und gesagt, wir erwarten mehr. Vor allem eine ambitioniertere Klimastrategie. Das Unternehmen wirkte dafür sehr offen. Ein Jahr später haben wir gesehen, dass sie einer Klimainitiative beigetreten sind und ihre Klimaziele deutlich verschärft haben. Wir verfolgen solche Fälle immer über mindestens drei Jahre, denn Entscheidungsprozesse sind oft langwierig. Und Entscheidungen müssen ja auch noch umgesetzt werden. Im Oktober 2025 haben die Gesprächspartner uns dann gesagt, dass sie Anfang 2026 planen, ihre Klimastrategie und deren bisherige Umsetzung von der Science Based Targets initiative, einer renommierten internationalen Instanz, überprüfen zu lassen. Allerdings können wir natürlich nicht einfach sagen, dass allein unser Engagement für das alles ursächlich war. Es können ja auch andere Investoren auf das Unternehmen zugegangen sein; da lässt sich so ein Unternehmen nicht in die Karten schauen.

Bekommt man eine Art Bauchgefühl dafür, was wirklich bei einem Unternehmen, mit dem Sie als Investor über Nachhaltigkeit sprechen, der Anstoß ist, sich stärker zu engagieren?

Von Danwitz: Die für Nachhaltigkeit Verantwortlichen überlegen eigentlich immer: Was müssen wir jetzt tun, um die Erwartung des Kapitalmarkts zu erfüllen, was sind die wirklich wichtigen Themen? Da fragen sie auch uns Investoren.

Verena Kienel: Ich war letztes Jahr in Taiwan bei einem kleinen, jungen Unternehmen. Es heißt J&V Energy Technology; sie entwickeln vor allem Solar- und Windparks und kombinieren sie mit Batteriespeichern. Mir gegenüber saßen: der Vorstandvorsitzende, der Finanzvorstand, der Nachhaltigkeitsleiter und dann auch noch fünf externe Berater. Ich habe ihnen erklärt, wie wichtig die Berichterstattung zur Nachhaltigkeit für uns ist. Erneuerbare Energie ist gut, aber wir wollen ja beispielsweise auch erfahren: Wie sind die Arbeitsbedingungen, und werden Umweltvorschriften eingehalten? Sie haben äußerst aufmerksam zugehört und uns für das Feedback gedankt. Solche Unternehmen haben ja selten ausländische Investoren zu Besuch, die sie gezielt zu Nachhaltigkeitsthemen befragen oder sogar Druck aufbauen. Im Lauf des nächsten Jahres hat das Unternehmen eine ganze Reihe Maßnahmen getroffen,  unter anderem einen Nachhaltigkeitsbericht auf Englisch veröffentlicht und uns direkt geschickt. Da haben wir das Gefühl, man bewirkt wirklich etwas – das macht Spaß. 

Als Kleinanleger könnte man ja auch vermuten: Solange ich keine Milliarden bewege, erzeugt das keinen Druck.

Kienel: Na ja, bei den sehr großen Unternehmen mag das ein Stück weit richtig sein. Aber bei den Smallcaps und Midcaps, also den kleineren Unternehmen, da bewirken Gespräche etwas. Wir begründen, erklären, hinterfragen, wir gehen da offen heran, und wir bleiben dran. Wobei die meisten Investoren sich diese Mühe nicht unbedingt machen. Aber wir tun es. Weil wir Impact erzielen wollen und Unternehmen auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit begleiten möchten. Natürlich auch, weil wir davon profitieren wollen und auf eine gute Entwicklung des Aktienkurses setzen.

Von Danwitz: Wenn es überhaupt darum geht, einen Termin zu finden, dann spielt die Höhe des Investments vielleicht einmal eine Rolle. Aber vor Ort, im Meeting, da entscheidet mehr, ob unsere Gesprächspartner merken, dass wir tief im Thema sind. Wir waren kürzlich bei Unternehmen in China, und da waren unsere Gesprächspartner erstaunt über die detaillierten Fragen. Die haben uns ernst genommen. Unter anderem, weil sie gemerkt haben, dass wir ihr Verbesserungspotenzial benennen können. Es ist ihnen nicht egal, was wir denken.


Lars von Danwitz (Jahrgang 1996) ist Senior Sustainability Analyst im Nachhaltigkeits-Research bei der Ökoworld AG, wo er seit 2022 arbeitet. Von Danwitz steuert den Bereich Engagement, einschließlich der Weiterentwicklung der Engagement-Strategie und des Engagement-Reporting. Er hat Politik und Wirtschaft an der Universität Münster sowie an der Yaşar University in Izmir (Türkei) studiert und ein Masterstudium in Sustainability Economics and Management an der Universität Oldenburg und der Universität Dar es Salaam (Tansania) absolviert. / Foto: Ökoworld

Gibt es auch Konfrontationen?

Von Danwitz: Ja, schon. Es kommt vor, dass wir den Eindruck haben: Die Gesprächspartner sind überhaupt nicht offen und antworten nicht auf Fragen zu bestimmten Themen. 

Was können Sie dann tun?

Von Danwitz: Wir haben verschiedene Möglichkeiten zu eskalieren. Wir können beispielsweise den Vorstand anschreiben. Solch ein Druck hilft oft. Oder wir sprechen unsere Themen direkt öffentlich bei einer Hauptversammlung an. Auf der Hauptversammlung der Hamburger Aurubis, einem Produzenten von Nichteisenmetallen, der beispielsweise Altmetalle recycelt, haben wir Defizite in der Lieferkette angesprochen. Das baut konstruktiven Druck auf.

Kienel: Natürlich verlaufen unsere Gespräche nicht immer ideal. Ich hatte einmal in Taiwan eine sehr unbefriedigende Gesprächssituation bei einem größeren Unternehmen. Da saß mir jemand aus dem Investor Relations Team gegenüber, schaute öfter gelangweilt auf die Uhr und antwortete auf keine Frage. Das weiß man: Okay, die machen hier nur das absolute Minimum. Aber auch das kann dabei helfen, ein Unternehmen einzuschätzen, wenn man überlegt: Könnte man hier investieren, oder ist die Nachhaltigkeitsleistung derart unzureichend, dass man besser die Finger davon lässt?

Jetzt haben wir einige konkrete Beispiele gehört. Zum Grundsätzlichen: Was ist überhaupt Engagement, was versteht man darunter?

Von Danwitz: Engagement ist für uns ein langfristiger, gezielter Prozess, nicht einfach mal so eine Maßnahme hier, eine da. Wir verfolgen, was wir bei den einzelnen Unternehmen erreichen wollen, erreicht haben oder verfehlt haben. Unsere Engagement-Strategie ist umfangreich, öffentlich zugänglich, und wir entwickeln sie kontinuierlich weiter. Wir haben ja bereits verschiedene Kommunikationswege für ein Engagement erwähnt, dazu kommt dann noch das kollaborative Engagement. Hier sind wir mit Verbündeten unterwegs. Wir sind beim SfC, Shareholders for Change, aktiv. Das sind rund 20 Organisationen in Europa, die zusammen Engagement betreiben. Dann sind wir bei UN PRI, das steht für United Nations Principles for Responsible Investment. Da geht es darum, dass Investoren Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführungs-Kriterien beachten. Im Rahmen einer Kampagne der UN PRI haben wir gemeinsam mit weiteren Akteuren beispielsweise einen Engagement-Prozess mit dem Düsseldorfer Chemieunternehmen Henkel gestartet, bei dem es um Artenschutz und -vielfalt geht. Und dann gibt es natürlich noch das gesamte Thema Proxy-Voting. Also Stimmrechte wahrnehmen und auf Hauptversammlungen sprechen.

Wie läuft so eine Stimmabgabe bei einer Hauptversammlung konkret ab?

Kienel: Wir nehmen unsere Stimmrechte jetzt seit zwei Jahren wahr. Wir wollen bei jedem Unternehmen, in das wir investiert haben, auf der Hauptversammlung abstimmen. Das läuft natürlich ausschließlich digital, zum Glück, sonst wären wir wirklich nur noch unterwegs von einer Hauptversammlung zur nächsten. Wir haben für die Abstimmung einen Dienstleister. In diesem Bereich gibt es nur zwei mit umfassender weltweiter Abdeckung. Sie geben ihren Kunden Abstimmungsempfehlungen. Man kann auswählen, ob man bestimmte Richtungen für die Abstimmungen bevorzugt, beispielsweise rein konventionell oder nachhaltiger geprägt. Man kann den Empfehlungen automatisiert folgen. 

Tun Sie das?

Kienel: Nein. Wir wollen Konsequenz beim Thema Nachhaltigkeit. Wir haben daher eigene Richtlinien für die Abstimmungen zur Nachhaltigkeit zusammen mit dem Dienstleister festgelegt. Wir nutzen also eine individuelle Abstimmung. Wir bekommen von unserem Dienstleister eine Nachricht, wenn etwas zum Thema Nachhaltigkeit auf der Hauptversammlung ansteht. Dann schauen wir uns die Empfehlung des Dienstleisters zu diesem Punkt an und können von der Empfehlung abweichen. Da steckt schon ein gewisser Aufwand dahinter, denn wir untersuchen erst das Thema und unterlegen dann unsere Entscheidung mit gut recherchierten Gründen. Wir könnten uns natürlich auch für jede Hauptversammlung einloggen und zu jedem Tagesordnungspunkt selbst abstimmen. Bei rund 300 Unternehmen, auf deren Hauptversammlungen wir jedes Jahr abstimmen oder abstimmen lassen, würde das sehr viel Zeit kosten. Und die meisten Tagesordnungspunkte beziehen sich eben nicht auf Nachhaltigkeit, sondern auf rein Wirtschaftliches oder Formelles. Nachhaltigkeit kommt leider eher selten auf die Agenda. 

Was geschieht, wenn Sie selbst zu einer Hauptversammlung gehen?

Kienel: Dann gibt es keine automatisierte Abstimmung, dann melden wir uns beim Unternehmen an und nehmen selbst das Rederecht wahr. Wir können ja auch gegen die Entlastung des Vorstandes stimmen, das ist ein deutlicher Schritt zu zeigen: Wir sind nicht einverstanden mit eurer Richtung. 


Auch eine Frage fürs Engagement: Woher kommen eigentlich die Eier von Essenslieferanten? / Foto: Pixabay

Gab es schon einmal verdutzte Gesichter auf der anderen Seite?

Von Danwitz: Manchmal ist die Unternehmensführung bei der Hauptversammlung von den sehr detaillierten Fragen zur Nachhaltigkeit überrumpelt. Wir haben beispielsweise beim Berliner Kochbox-Anbieter Hello Fresh nach der genauen Herkunft der Lebensmittel gefragt, darunter auch der Herkunft der Eier.

Eier – hört sich einfach an, ist aber im Grunde ein eigenes Fachgebiet für Agrar- und Tierschutzfachleute.

Von Danwitz: Bei uns wird das Engagement von unseren Nachhaltigkeitsanalystinnen und -analysten durchgeführt. Die kennen sich in den jeweiligen Branchen richtig gut aus, weil sie die Themen schon seit mehreren Jahren bearbeiten.

In der Vorbereitung steckt also ein hoher Aufwand.

Von Danwitz: Ja! Ein Zeitaufwand, der sich lohnt – denn wir können hierdurch etwas bewegen.

Was passiert denn, wenn ein Unternehmen finanziell so richtig gut dasteht und Sie bei Ihren Gesprächen herausfinden: In der Nachhaltigkeit geschieht zu wenig?

Kienel: Ja, dann gibt es immer Streit (lacht). Nein, im Ernst: Überwiegend begleiten wir unsere Unternehmen auf ihrem Weg. Die Welt ist nicht perfekt, aber wir können und wollen sie gestalten. Wenn wir im Rahmen eines Engagements allerdings Informationen erhalten, die klar erkennen lassen, dass ein Unternehmen tatsächlich gegen unsere Kriterien verstößt, dann kann man nichts schönreden. Selbst wenn das ärgerlich ist für das Portfoliomanagement, weil eine Aktie gerade gut läuft – sie muss verkauft werden. Das ist ganz klar geregelt, da müssen wir unserem Ansatz treu bleiben – diese Konsequenz erwarten unsere Kundinnen und Kunden von uns. Der Verkauf muss dann nicht am nächsten Tag stattfinden, da gibt es Fristen, meist sechs Wochen. Wir wollen ja die finanziellen Anlegerinteressen mitdenken und kursschonend verkaufen.

Nach welchen Kriterien suchen Sie die Aktiengesellschaften aus, bei denen Sie Engagement betreiben?

Von Danwitz: Wir können zu jedem Unternehmen aus unserem sogenannten Anlageuniversum Engagement betreiben, es gibt immer etwas, wo wir Verbesserungspotenzial sehen. Wir priorisieren jedoch danach, wo wir die größten Schwachstellen und das größte Potenzial für Verbesserungen sehen. 

Wenn Unternehmen noch nicht nachhaltig sind, aber nachhaltiger werden wollen – können das auch Fälle für ein Engagement sein?

Kienel: Alle reden von solchen Transformationen. Das wirkt interessant und ist notwendig, wenn ein Stahlhersteller mit Wasserstoff grünen Stahl produzieren will. Auch da kann Engagement sehr wichtig sein. Wir arbeiten gerade an einem neuen Produkt, einem Transition-Fonds, um diejenigen Unternehmen zu begleiten, die noch einen Weg hin zu echter Nachhaltigkeit zu gehen haben, dies aber konsequent und glaubwürdig tun. Unsere umfangreiche Erfahrung im Engagement ist für uns hier ein Vorteil. Aber wie bereits dargestellt: Engagement ist nicht weniger wichtig bei Unternehmen, die schon auf der transformierten Seite stehen und, nehmen wir einmal an, Solarmodule herstellen. Auch da kann Engagement für Menschenrechte wichtig sein, für Arbeitsrechte etwa.  

Auf was bezieht sich Engagement, wenn es um das Thema Biodiversität geht? Wird der Tiger gerettet?

Kienel: Idealerweise ja, aber vielleicht auch die kleine Biene. Wir haben beispielsweise Immobilienentwickler im Anlageuniversum. Da geht es um die Zukunft von Grün- oder Brachflächen, um den Schutz von Pflanzen und Tieren. Unternehmen müssen bei der Biodiversität engagiert sein, aufmerksam sein, es kommt nicht nur auf Tiger und Biene, sondern auf Materialien an, etwa bei Naturkosmetikherstellern: Wo werden die Zutaten angebaut? Werden Chemikalien genutzt? Wie reagieren die Pflanzen darauf? 

Von Danwitz: In der Forstwirtschaft beispielsweise ist zu untersuchen: Wie viele Bäume muss ich auf Rodungsflächen stehen lassen, damit Käfer und andere Tiere weiterleben können? Wir schauen bei Papier- oder Möbelherstellern und Dämmstoffproduzenten ganz genau, woher ihr Holz stammt, ob es aus zertifizierten Wäldern kommt.


Verena Kienel und Lars von Danwitz standen ECOreporter anderthalb Stunden Rede und Antwort. / Foto: Ökoworld

Geht es bei Ihnen auch um Plastikabfälle?

Von Danwitz: Ja, wir haben aktuell eine Kampagne zu Ewigkeitschemikalien, also zu PFAS - Per- und Polyfluoralkylsubstanzen. Das sind Chemikalien, die sich in der Natur faktisch nicht abbauen – zumindest nicht in den für uns Menschen relevanten Zeiträumen. Damit werden oft Produkte beschichtet, auch Kleidung. Da sie sich in Menschen, Tieren und der Umwelt anreichern, sind sie extrem gefährlich. Im Rahmen einer solchen Kampagne suchen wir uns gezielt ein Thema und schauen, bei welchen unserer realen oder möglichen Investments das relevant sein kann. Wir gehen dann beispielsweise auf Unternehmen zu und zeigen ihnen unsere Erwartungen. Wir fragen also, ob sie solche Ewigkeitschemikalien verwenden. Wir haben auch schon Unternehmen gesagt, ihr verwendet viel zu viel Kunststoff bei euren Verpackungen.

Wir konzentrieren uns derzeit oft auf die USA und kritisieren berechtigterweise, dass das Niveau der Nachhaltigkeit dort wieder deutlich gesenkt wird. Aber China ist ja vielfach selbst von einem niedrigen Niveau noch weit entfernt - würde es überhaupt verstanden, wenn Sie dort per Engagement beispielsweise mehr Klimaschutz oder mehr Diversität verlangen würden?

Von Danwitz: Bei vielen Nachhaltigkeitsthemen, etwa bei Klimazielen, sind chinesische Unternehmen nicht so weit wie europäische oder auch amerikanische. Aber wir hatten während unserer letzten Reise, nicht lange her, schon das Gefühl, dass viele Unternehmen sehr interessiert sind. Sie fragen auch, was können wir eigentlich tun? Wir haben beispielsweise mit einem Vorstand und anderen Menschen aus dem Führungsteam eines chinesischen Pharmaherstellers gesprochen. Die haben mehrfach gesagt, lasst uns doch bitte im Gespräch bleiben, wir wollen lernen und uns weiterentwickeln. Dort werden unsere umfangreiche Kompetenz und Leidenschaft geschätzt – das freut uns und macht uns natürlich stolz. Aber wir haben auch andere Erfahrungen gemacht. Etwa bei Konfliktmineralien. Da haben die Unternehmensvertreter gefragt, was meint ihr überhaupt? Sie hatten wirklich keinen Zugang zu dem Thema. Weil auch kaum Investoren danach fragen. 

Welche Rolle spielt die Politik dabei?

Von Danwitz: In China lehnen sich Unternehmen stark daran an, was die politische Führung vorgibt. Es wird versucht, Wirtschaftswachstum mit Klimazielen zu verbinden. Die  Nachhaltigkeitsregulierung in China ist stark vorangeschritten. 

Fragen Sie in China nach Menschenrechten? 

Von Danwitz: Wenn wir nach Produktionsstätten in Xinjiang im Westen Chinas fragen, wo es um die Menschenrechte der Uiguren und weiterer Volksgruppen geht, wird es natürlich schwierig. Über bestimmte Sachen redet man in China einfach nicht. Leute auf der Straße sagen nichts zu Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang. Die Unternehmen erklären sich auch nicht dazu. Dann muss man anders formulieren, beispielsweise: Wo sind eigentlich eure Produktionsstätten? Im Westen des Landes? Unser Job ist es, dann weiter nachzuhaken und unsere roten Linien zu zeigen. Unsere Entscheidungen bleiben ohnehin souverän – Ökoworld investiert nicht in Xinjiang.

Wie erfahren interessierte Anlegerinnen und Anleger von den Engagement-Aktivitäten bei Ökoworld?

Von Danwitz: Wir berichten ausführlich in unserem jährlichen Engagement-Report. Da stellen wir auch einzelne Fälle vor und nennen die Eskalationsmaßnahmen, die wir in dem Jahr durchgeführt haben. 

Zum Schluss: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten an den Gesetzgeber, wo auch immer, was wäre das? 

Kienel: Ich wünsche mir von Europa mehr Rückgrat bei der Nachhaltigkeit. Wir hatten durch den Green Deal der EU eine richtige Aufbruchstimmung, und viele Unternehmen unterstützen das immer noch. Wenn Europa beispielsweise konsequent das Ziel verfolgen würde, ein bald klimaneutraler Kontinent zu sein, das wäre sinnvoll. Denn je später wir dieses Ziel erreichen, umso teurer wird es für uns. Mehr Nachhaltigkeit ist klar ein Vorteil für die Wirtschaft und uns alle.

Die Ökoworld-Fonds und viele weitere nachhaltige Fonds hat ECOreporter hier eingehend getestet.

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